Verkehrshindernisse

Hin und wieder stoßen wir auf den Straßen rund um Berlin auf Kuhherden, die auf dem Weg zur Weide oder in den Stall sind. Sie werden beschützt durch Menschen, die mit rot-weiß gestreiften Fahnen den vorbeikommenden Verkehr irgendwie regeln.

Genauso gesichert ist die Herde "Dreharbeiten". Hierbei laufen keine Kühe zwischen den Fähnchen schwenkenden Menschen herum sondern Kameras, Autos oder Fahrradfahrer, die dummerweise nicht so schnell sind wie Autos und während des Überholvorgangs bei plötzlichem Gegenverkehr unerwartet in die Filmszenen geraten.

G. K. 1995

Wallenstein

An einem Sonntag im September wollte ich mir die Wettbewerbsbeiträge zur zukünftigen Nutzung des Kindl-Geländes im Sudhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei anschauen.

Ich ging die Karl-Marx-Straße entlang. Selbst an sonnigen Tagen wirkt diese Straße trist. Ramschläden, Kebabbuden, dazwischen Cafe-Shops, Fingernagelstudios und Handyläden. Billige Import-Schuhläden sind hier gerade in. Wie das Angebot so auch das Publikum. Einfach gekleidete Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.

Ich bog in die Werbelinstraße ein. Die Sonne strahlte mir entgegen und ein Hauch von Parfümduft erfüllte die Luft. Auf dem Bürgersteig flanierten plötzlich gut gekleidete Menschen, die so ganz und gar nicht in das Stadtbild von Neukölln passten. In angenehmer Begleitung schlenderte ich zur alten Kindl-Brauerei.

Vor der Kindlhalle traf man sich. Auf dem Programm standen elf Stunden Wallenstein – Peter Steins Schiller-Marathon. Das wollte ich mir nicht antun.

Nachdem ich die Ausstellung besuchte, ging ich die Werbelinerstraße weiter hoch. Nun kam mir das Wallenstein-Publikum entgegen. Auf der Hermannstraße angekommen, war der Spuk vorbei.

Irgendwie erinnerte mich die Szenerie an die Harry-Potter-Bücher.

Wer die Werbelinstrasse besuchten möchte, muss „Zum Tropfenden Kessel“ gehen.

G. K. 2007

Kunstflieger

Wir wohnen in der Nähe des Flughafens Tempelhof. Je nach dem von wo der Wind kommt, können wir die Flugzeugmotoren hören.

Irgendwann im Mai mischten sich unter den gewohnten Flugzeugeräuschen ganz neue. Als ich aus dem Fenster schaute staunte ich nicht schlecht. Direkt über unserer Dachterrasse drehte ein Kunstflieger seine Runden. Als das kleine Flugzeug am anderen Tag wieder den Neuköllner Luftraum beschallte, ging ich zur Oderstraße. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf das gesamte Flugfeld. Und tatsächlich, da tat sich etwas. Bauzäune wurden aufgestellt und große Teile der Wiesen wurden gemäht, obwohl die Lerchen noch brüteten.

Hier am Flugfeld erfuhr ich dann auch was los war. Auf dem Flughafengelände sollten die Weltmeisterschaften der Kunstflieger stattfinden. Oh, je! Wenn da nicht etwas passiert.

Die kleinen Maschinen waren die nächsten Tage ständig zu hören. Von unserem Wohnzimmerfenster aus konnten wir beobachten, wie sie steil nach oben in den Himmel schossen und nach einem Looping ebenso steil wieder zum Erdboden rasten.

Mir war das alles unheimlich. Ich hatte schlichtweg Angst. Aber das half mir auch nicht weiter.

Am 27. Mai war es dann soweit. Soll ich in der Wohnung bleiben und warten, dass so eine Kiste auf unserer Dachterrasse landet oder gleich in die Höhle des Löwen gehen?

Ich ging mit ca. 300 000 weiteren Zuschauern aufs Flugfeld.

10 Piloten zeigten ihr Können. Mit ca. 450 Stundenkilometer rasten sie durch einen 1400 m x 400 m großen Parcours auf dem knapp zwei Kilometer Durchmesser zählenden Flughafengelände.

Die Maschinen durchrasten die in nur 14 m Abständen aufgestellten Hindernisse und flogen dabei nur 20 m über dem Boden. Die 40 m hohen Hindernisse aus einem leichten Material waren luftgefüllt und konnten die Maschinen bei Berührung nicht gefährden.

Es ist nichts passiert!

Nach diesem Event ging es auf dem Flugfeld, direkt neben der Start- und Landebahn entlang zur Oderstraße.

G. K. 2006

Modellbau

Übungsaufgabe:
Erstellung eines Höhenmodells innerhalb eines Volumens von 25x25x25 cm, bei dem die Maßstäblichkeit beachtet werden muss, incl. der Darstellung von Relief, Wasser und eines in die Landschaft gestellten Objektes.

Wie kann ich die Aufgabe lösen? Ich schaute in die Runde und da hatte ich die Idee. Andere hatten anscheinend die gleiche Idee. Höhenmodell = Schichten = Kekse.

Eine Woche später standen wir in der Küche von Tobias und versuchten uns an der gestellten Aufgabe.

Kalter Hund, kalte Schnauze oder so... ein Kochbuch aus den sechziger Jahren wurde zu Rate gezogen. Kokosfett und Kuvertüre irgendwie vermischen und zwischen den Schichten verschwinden lassen lautete die Anweisung.

Mit dem Kochbuch unter dem Arm ging es mit meiner Kommunitonin runter in den Laden und mit gefüllten Taschen wieder in den vierten Stock.

Das Fett wurde erhitzt und in die geschmolzene Schokolade hineingegeben. Natürlich war dies falsch. Nun probierten es die Jungs. Es funktionierte.

Zusammen schichteten wir die Kekse wie eine Moränenlandschaft auf einem vorgefertigten Brett und setzten zum Schluss ein Messer ins Modell.

Am Übungstermin stellten wir unser Höhenmodell zwischen den anderen Abgaben.

Das erste Gerücht kursierte. Tobias hat das Modell gebaut. Von der anderen Seite hörte ich auf einmal dass Steffen das Modell gebaut haben soll. Der Übungsleiter wurde hellhörig. Wer hat das Modell abgegeben? Sie? Nein! Irgendwann hörte ich, dass Julia das Modell gebaut haben soll. Julia auch nicht? Die Spannung stieg an. Tobias war es nicht, aber er hat doch das Modell in den Raum getragen. Steffen war es auch nicht, aber er ist doch mit Tobias gekommen. Julia war es auch nicht, aber sie hat den beiden doch geholfen. Merkwürdig.

Die Sonne ging langsam am Siemensdamm unter. Der Übungsleiter hatte nun auch das letzte Modell besprochen. Die Gerüchteküche brodelte weiter. Ich, nein ich habe damit nichts zu tun oder doch? Ich schaute die anderen an. Der Übungsleiter schaute hilflos in die Runde und wir lächelten. Wir waren es. Nein, es ist keine ernst gemeinte Abgabe. Jeder von uns hat ein eigenes Modell gebaut. Ein gemeinsames Modell? Das Modell müssen wir doch aufessen oder??? Gut, ich mach mir einen Kaffee.

Zu Viert sprachen wir unser Modell mit dem Messer an. Das Ergebnis der Ansprache verteilten wir in der Übungsgruppe. Der Kaffee war fertig und der Übungsleiter dozierte über die Ästhetik der Höhenlinien bei einem Stück kaltem Hund. Draußen verwandelte sich die Sonne langsam zu einer großen roten Tomate. Mit den Resten unseres Modells und begleitet von einem herrlichen Sonnenuntergang besuchten wir die anderen Übungsgruppen, gingen von Raum zu Raum und lernten so die beiden anderen Gruppen kennen, verteilten „kalten Hund“ und staunten über die Modelle der anderen.

G. K. 1997

Zeitschleifen

In meiner Kindheit war ich immer wieder im Museum und habe dort die Vergangenheit meiner Mutter und die meiner Großeltern gesehen. Die meines Vaters war 40 Jahre unter Verschluss. Nun ist auch meine Kindheit im Museum angekommen und damit viele Teile meiner Vergangenheit.

Küchenmaschinen, Kühlschränke und Plastikgeschirr stehen in Regalen, befreit vom Staub des Vergessens. Sie harren der Dinge die da kommen werden, wie die Brombeermarmelade im Keller meiner Schwiegermutter.

Beim Anblick einiger Museumsstücke fühle ich mich um Jahre zurückversetzt. Erinnerungen, Stimmungen, Stimmen und Bilder längst vergessener Zeiten werden plötzlich wieder wach und ich stehe da alleine mit meinen Erinnerungen.

Für Momente tauche ich ein in eine schon längst nicht mehr existierende Wirklichkeit. Die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe meiner „Geschichten aus der Mottenkiste“ haben sich schon längst verflüchtigt, sind vielleicht in die Analen der Geschichte eingegangen. Meine damalige Sichtweise der Geschehnisse ist irgendwie einer anderen Realität gewichen und je mehr von mir im Museum landet, desto älter bin ich.

So wie die Generationen beim Raumschiff Enterprise wechseln, wandert die Geschichte ins Museum und die dazugehörigen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen verschwinden in den Geschichtsbüchern.

Alles gewesene wird interaktiv und spielerisch von einer Heerschar von EDV-Begeisterten zu einem Generationsbrei verarbeitet, als Auftragsarbeit von irgendeinem Museum, für die nachfolgenden Generationen. Und immer wenn eine Generation zu Brei verarbeitet wurde, geht die Suche nach noch lebenden Zeitzeugen los.

Meine Mutter fotografierte gerne. Besaß aber kein Fotoalbum. Neue Bilder versah sie mit einem Kommentar auf der Rückseite und legte diese zu den anderen Bildern in die Schublade ihres Nachtisches.

Wenn wir Kinder alleine waren öffneten wir die Nachttischschublade unserer Mutter. Die bunt durcheinander gewürfelten Bilder hatten es uns angetan und wir gingen auf Entdeckungsreise. Die Texte auf der Rückseite waren unsere Reisebegleiter. Dabei ordneten wir die Bilder immer wieder neu. Aus der Schublade unserer Mutter wurde so ein hypermedialer Speicher ohne elektronische Datenverarbeitung.

G. K. 1995

Fahrtenbuch

Es war dunkel, der Schnee lag hoch und es herrschte klirrende Kälte. Ich stand vor dem LKW und wollte rein, nur wie? Ich stellte mich auf die Zehenspitzen. Griff hier, Griff da, ich weiß nicht wie, aber ich bin doch in der Fahrerkabine angekommen.

Mit Salz und Sand auf der Ladefläche ging es los über spiegelglatte Straßen und Sträßchen. Mauer rechts, Mauer links, enge Kurve hier, Gartenzaun da, dahinter ein dicker BMW und gegenüber große Milchkannen auf einem Gestell. Menschen standen hier und da hinter den Gardinen. Sobald an einer Stelle zweimal „gepökelt“ wird, klingelt im Rathaus das Telefon. Beim Fahrer piepste es hin und wieder. Es war das „Mischwerk“ und meldete, das Salz gestreut wurde.

In der Dunkelheit tauchte eine gestreute Bundesstraße auf und weiter ging es auf einer Nebenstraße. Zaun rechts, Graben links, die Augen eines Fuchses leuchteten und im Scheinwerferlicht tauchte ein Fußgänger auf.

Der Wagen kam ins rutschen. Rückwärtsgang rein, kurz mit den Vorderrädern über die hinter dem Wagen gestreute Fläche gefahren und dann vorwärts weiter. Jetzt ging es steil bergab. Hier ist der Streuwagen in der letzten Nacht ins rutschen gekommen. Nur durch ein kleines Wunder ist nichts passiert. Auf einem entlegenen Bauernhof wurde gewendet, aus dem Kuhstall winkte der Bauer zu uns rüber. Es war Melkzeit.

Jemand funkte, LKW wo bist Du? Welche Streustufe ist überhaupt dran? Stufe 1, bist Du Dir da sicher? Vom Bergrücken konnte ich Rüggeberg sehen – hier waren die Streufahrzeuge auch aktiv, die orangen Lichter blitzten.

Und weiter ging es. Graben rechts, Graben links, Zaun, Verteilerschrank links. Im Radio die Nachrichten: Eisregen, auf der Kölner Autobahn Unfälle. Hier regnete es nicht mehr, die Straßen waren gestreut und über Funk verabredete man sich für 3 Uhr morgens.

Es ging zurück zum Bauhof. Die Autos rasten an uns vorbei. Auf dem Land gibt es kein Abblendlicht und die Hupen frieren auch nie ein.

Mutig öffnete ich die Fahrzeugtür. Und weiter? Vorwärts? Nein! Rückwärts? Schon besser! Irgendwo fand ich in der Dunkelheit einen Griff, aber die Füße fanden nichts. Also los lassen und springen. Unten angekommen, wollte ich die Autotür hinter mir zu werfen, die schwebte aber über mir. Also wieder auf die Zehenspitzen und irgendwie die Tür zudrücken. Genau so, nur anders stelle ich mir Wasserball vor. Ohne Grund unter den Füßen einmal hoch springen und werfen.

Kurze Zeit später saß ich vor dem Fernseher. Köln, Hamburg, Autobahn Düsseldorf, Berichte über Unfälle auf den glatten Straßen. Ich war dabei gewesen – nur ganz kurz, inmitten 20 Tonnen Rollgewicht mit Salz und Sand im Gepäck, auf spiegelglatten Straßen, ohne Sicherheitsgurt, vom Notarztwagen überholt.

G. K. 1997

Tupper

Es war nur eine Frage der Zeit, die Einladung zur Tupperfete, hier in Düppel. Da ich von Natur aus neugierig bin, ging ich hin. Wie zur Dienstübergabe auf einer Krankenstation saß ich zwischen lauter Frauen (die wenigen Männer auf „der“ Station hatten gerade "Rückenprobleme“).

Anstelle eines Übergabebuches stand vor mir ein großer Tisch mit Tupperware. Was für ein Gefäß fehlt bei uns im Haushalt? Ich wusste es nicht, da bei uns der Herr der Wohnung für die Küche zuständig ist.

Ich wollte nett sein und etwas kaufen! Aber was?? Was nur? Ich schaute Hilfe suchend aus dem Küchenfenster zu uns rüber, aber da stand keiner am Fenster.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine Frau. Also die Ärmel hochgekrempelt und den Katalog durchgesucht.

Es gibt keine Probleme, nur Lösungen. Im Laufe des Abends hatte ich irgendwann eine riesige Schüssel in den Händen, kurz danach etwas Kleines für die Pausenbrote und dann wieder eine irgendwie geartete Schüssel und dann einen Schüttelbecher zur Sahnegewinnung.

Der Renner war ein Teigschaber mit dem Namen Clou für 3,20 DM. Er ist bestens geeignet, vereiste Autoscheiben frei zu schaben. Wenn er dabei beschädigt wird, kann er umgetauscht werden, da Tupper auf all seinen Produkten 30 Jahre Garantie gibt. Nur ohne Auto war selbst dieses Produkt für mich uninteressant.

Der Abend endete mit einer Bestellung, für eine Kanne die in einer Kühlschranktür passt.

G. K.1997

Scannen

Was nützt mir der schnellste Scanner, wenn die Datensicherung nicht hinterher kommt. Heute war so ein Tag. TRAU 1871: Titel, Inhalt, Artikel: Seite 190 bis Seite 250, einschließlich der Tafel 1 und 2, grau, 150 DPI.

Hintereinanderweg erschien Seite für Seite auf dem Monitor. Beim betrachten der Seiten fing ich an zu lesen, immer nur Häppchen weise, bis die nächste Seite auf dem Monitor erschien.

Auf Seite 196 tauchte der erste Hund auf. Es war ein 4 Monate alter Rattenfängerhund. Vormittags um 7 h 56 m lebte er noch. Auf Seite 198 trat sein Tod um 9 h 17 m ein. Auf der gleichen Seite unten lebte Vormittags um 7 h 31 m ein mäßig kräftiger mittelgroßer Hund bis Seite 199 um 8 h 23 m. Ein kräftiger Dachshund lebte ab Seite 199 um 8 h 35 m bis Seite 200 um 9 h 8 m. Auf Seite 233 tauchte ein großer Hofhund auf. Er lebte Vormittags um 9 h 3 m und sein Tod trat auf Seite 234 um 9 h 51 m ein. Nach 127 Jahren lebten einunddreißig Versuchshunde wieder auf und starben auf dem Scanner einen noch viel schnelleren Tod als beim ersten mal.

Wie damals standen sie beim Sterben unter Beobachtung. Geschriebenes kann grausam sein.

G. K. 1998

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